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Donnerstag, 3. November 2011

Millionen Deutschen droht Armut

http://www.focus.de/finanzen/news/statistisches-bundesamt-millionen-deutschen-droht-armut_aid_680756.html

Statistisches Bundesamt 

Millionen Deutschen droht Armut

Donnerstag, 03.11.2011, 11:00
Colourbox Viele Bundesbürger leben in prekären finanziellen Verhältnissen
 
15,6 Prozent der deutschen Bevölkerung sind 2009 laut Statistischem Bundesamt armutsgefährdet gewesen. Besonders hoch war die Quote bei Arbeitslosen und Alleinerziehenden.
Fast jeder sechste Mensch in Deutschland ist von Armut bedroht, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Donnerstag mitteilte. Am stärksten betroffen sind demnach arbeitslose Menschen: Mehr als sieben von zehn Arbeitslosen (70,3 Prozent) seien betroffen, unter den Erwerbstätigen dagegen nur etwa jeder Vierzehnte (7,2 Prozent).

Ebenfalls besonders häufig von Armut gefährdet sind laut Statistik Alleinerziehende und ihre Kinder. Bei 43 Prozent dieser Menschen habe 2009 eine Armutsgefährdung vorgelegen. In allen Haushalten mit Kindern betrug die Armutsgefährdungsquote hingegen nur 14,6 Prozent. Auch überdurchschnittlich betroffen sind Alleinlebende, bei denen in drei von zehn Fällen (30 Prozent) Armut drohte. In Haushalten von zwei Erwachsenen unter 65 Jahren traf dies dagegen nur auf etwa jeden zehnten Mensch (10,3 Prozent) in Deutschland zu.

Armut beginnt mit weniger als 11 278 Euro jährlich

Als armutsgefährdet gilt für die Statistiker, wer nach Einbeziehung staatlicher Transferleistungen ein Einkommen von weniger als 11 278 Euro im Jahr beziehungsweise 940 Euro monatlich zur Verfügung hat. Die Daten gehen laut Statistischem Bundesamt aus der Erhebung „Leben in Europa 2010“ hervor, die amtliche Sozialindikatoren zu Armut und sozialer Ausgrenzung bereitstelle und einen EU-weiten Vergleich ermögliche. 2010 seien dafür gut 13 000 Haushalte mit insgesamt rund 23 500 Personen ab 16 Jahren zu ihren Einkommen und Lebensbedingungen befragt worden. Das Niveau der Armutsgefährdung sei im Vergleich zu 2008 (15,5 Prozent) nahezu konstant geblieben.
mbe/AFP

Montag, 24. Oktober 2011

Arbeitsloser zündete aus Frust 100 Autos in Berlin an

http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article2068885/Arbeitsloser-zuendete-aus-Frust-100-Autos-in-Berlin-an.html

24.10.2011, 07:42 Uhr Berlin.

Monatelange Fahndung, Hunderte Polizisten und Videoaufnahmen brachten schließlich den Erfolg: Im Kampf gegen Auto-Brandstifter hat die Berliner Polizei einen 27-jährigen Mann festgenommen. Er gestand, mehr als 100 Autos angezündet oder beschädigt zu haben. "Diese Festnahme ist ein herausragender, ein sensationeller Erfolg", sagte der Chef des Berliner Landeskriminalamts (LKA), Christian Steiof. Gegen den Mann wurde Haftbefehl wegen schwerer Brandstiftung erlassen. Als Grund für die Taten habe der gelernte Maler und Lackierer, der noch bei seiner Mutter wohnt, persönlichen Frust und Geldnöte wegen seiner Arbeitslosigkeit genannt, so die Polizei.

Eine Verbindung zur linksextremistischen Szene gebe es nicht. Der Schaden geht in die Millionenhöhe. Die Polizei geht davon aus, dass die Versicherungen das an die Autobesitzer gezahlte Geld vom Täter zurückfordern werden. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sah sich in der Annahme bestätigt, "wonach hinter vielen Brandstiftungen ein Einzeltäter stecken könnte, der nicht aus der linken Szene stammt". Die Gewerkschaft der Polizei sieht keinen Anlass zur Entwarnung. "Brandanschläge bleiben ein Mittel der öffentlichen Aufmerksamkeit auch für extremistische Kräfte", sagte Gewerkschaftschef Bernhard Witthaut der "Leipziger Volkszeitung". Dies hätten die jüngsten Anschläge auf Bahnanlagen im Großraum Berlin gezeigt.

Der in Berlin festgenommene Mann gestand, zwischen Juni und August 67 Autos der Marken Audi, BMW und Mercedes angezündet zu haben. 35 weitere Autos wurden durch Flammen oder Hitze beschädigt. Vermutlich verwendete er Grillanzünder. Die Polizei erklärte, sie sei dem Mann durch die Auswertung von Videofilmen aus einer U-Bahn und einem Bus auf die Spur gekommen. Bundespolizisten erkannten den Mann später zufällig auf der Straße und verfolgten ihn. In den folgenden Monaten sei er weiter beobachtet worden. Die Polizei wertete auch Handydaten aus. Als genug Indizien vorlagen, vernahm die Polizei den Mann am Freitag. Nach und nach habe er die Taten gestanden. Ende August stoppte die Anschlagsserie. "Da hat er einen Aushilfsjob gefunden und seine Frustreaktion etwas abgebaut."(dpa/dapd)

Madonnas Bruder lebt unter der Brücke

24. Oktober 2011, 07:17 Uhr

Madonnas Bruder lebt unter der Brücke

Während die Schwester im Reichtum schwelgt, muss Anthony Ciccone im kalten Michigan um warme Decken und eine Mahlzeit betteln. Madonnas Bruder lebt in großer Not auf der Straße. Doch das kümmert den Star nicht. Von Frank Siering; Los Angeles
Madonna, Bruder, obdachlos, Brücke,Sie steht im Rampenlicht, ihr Bruder schläft unter Brücken: Madonna© Luke MacGregor, Reuters
Wenn Madonna (53) auf Reisen geht, dann im gut gepolsterten Privatjet mit gefüllter Minibar. Sie steigt selbstredend nur noch in den teuersten Präsidenten-Suites der exklusivsten Fünf-Sterne-Hotels der Welt ab - und lässt sich rund um die Uhr von zwei Bodyguards bewachen. Ganz anders ihr Bruder Anthony Ciccone: Der 55-Jährige lebt als Obdachloser unter einer Brücke im US-Bundesstaat Michigan. Auf den Straßen von Traverse City sucht der 55-Jährige nach Essensresten und warmen Decken. Diese schockierende Tatsache kam jetzt durch Zufall in den USA ans Tageslicht. In einer Interviewserie der Tageszeitung "Michigan Messenger" machte sich eine Reporterin auf, einige der 14.000 Obdachlosen in Traverse City zu interviewen.
Einer der Gesprächspartner, unter einer Autobahnbruecke kauernd in eine graue Wolldecke gehüllt, stellte sich als Anthony Ciccone vor. "Sie kennen vielleicht meine Schwester", so der 55-Jährige. "Die heisst Madonna und ist Sängerin", fuhr er fort.

"Nachts kann es verdammt kalt werden"

Nicht irgendeine Sängerin, versteht sich, sondern die wohl erfolgreichste Popkünstlerin der Welt. Nach Schätzungen vom Forbes Magazine zählt die als Madonna Louise Ciccone geborene Entertainerin auch nach mehr als 30 Jahren im Showgeschäft zu den Top-Verdienern in ihrer Branche. Allein 2010 soll sie demnach 58 Millionen Dollar verdient haben. Ihr Gesamtvermögen dürfte sich nahe der Milliarden-Dollar-Grenze bewegen. Für den älteren Bruder der Sängerin sind diese Zahlen nichts weiter als fantasievolle Monopoly-Statistiken. Das tägliche Dasein des Anthony Ciccone ist ein Überlebenskampf. "Besonders zu dieser Jahreszeit", sagt er. "Da kann es schon verdammt kalt werden, und du musst aufpassen, dass dir nachts nicht die Zehen wegfrieren", fährt er fort. Warum die berühmte Schwester sich nicht um ihn kümmere, will die Lokalreporterin wissen. "Glauben Sie, ich hätte diese Frage nicht schon tausendfach gehört", antwortet Ciccone. "Meine Familie hat sich von mir abgewandt, als es mir nicht so gut ging", sagt er frustriert. Ciccone hatte viele Jahre Probleme mit Drogen und Alkohol.

Madonnas Reaktion: Kein Kommentar

Der Bruder vom Material Girl fiel durch die sozialen Maschen, als er seinen Job in der Weinhandlung des Vaters verlor. "Das ist Anfang letzten Jahres passiert. Seitdem geht es mit mir bergab", so Ciccone. Der 55-Jährige hält sich mit dem Einsammeln von Leergut und kleineren Tagesjobs über Wasser. Er klopft an die Türen von Kirchen und Obdachlosen-Zentren und bittet dort um milde Gaben. Ciccone ist das zweite von acht Geschwistern. Bisher hat er sich nicht getraut, seine berühmte Schwester zu kontaktieren. Wohl auch, weil es ihm peinlich ist. Für Madonna freilich wäre es ein Kinderspiel, den Bruder zumindest von der Strasse in eine warme Einzimmerwohnung zu befördern. Doch Madonna scheint das Schicksal ihres grossen Bruders völlig kalt zu lassen. Ihr Sprecher wurde von der Lokalzeitung kontaktiert. Die lapidare Antwort des Material Girls, das sich so gerne als spirituelle Kabballah-Ikone feiern lässt: Kein Kommentar.

Ciccone fürchtet sich vor dem Winter

Anthony Ciccone graust derweil schon vor den ganz kalten Wintermonaten in Michigan. "Die Temperaturen sinken da in der Nacht unter minus 20 Grad. Das kann kein Mensch unter einer Brücke überleben", sagt er mit zittriger Stimme. Als ahne er schon jetzt, dass die große Schwester nicht so schnell klein beigeben wird.
Die hat ja auch andere Sorgen, denn sie scheint im Moment bei den Fans nicht besonders gut anzukommen. Bei der Filmpremiere ihres neuen Films "W.E." im Empire Cinema in Leicester Square in London wurde die Queen of Pop am Sonntag gnadenlos ausgebuht. Madonna führte Regie und fiel bisher bei den Kritikern gnadenlos durch.
Von Frank Siering; Los Angeles
© 2011 stern.de GmbH

Freitag, 26. August 2011

Arbeitslose sind alle faul - stimmt's?

SPIEGEL ONLINE (15.08.2011): Die soziale Hängematte ist oft in Stammtischnähe zu finden. Darin lungert der nichtsnutzige Arbeitslose und lässt sich durchfüttern von der Gesellschaft. Arbeitsforscher Joachim Möller hält das für ein übles Zerrbild: Der Hang zu Müßiggang gehört zu den unwichtigsten Gründen für Arbeitslosigkeit.
Nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach glaubt mehr als jeder Zweite in Deutschland: Viele Arbeitslose wollen gar nicht arbeiten. Lediglich ein Drittel der Befragten ist der Meinung, dass es sich dabei nur um Einzelfälle handelt. Sind die Arbeitslosen im Land wirklich in großer Zahl arbeitsscheu, bequem oder zu anspruchsvoll?
Zunächst einmal muss man sich vor Augen halten: Die derzeit knapp drei Millionen Arbeitslosen bilden keineswegs einen statischen Block. Jeden Monat werden einige hunderttausend Beschäftigte arbeitslos, und jeden Monat finden etwa ebenso viele Arbeitslose wieder einen Job. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist Arbeitslosigkeit nur kurzfristig. Wenn schon, dann müsste man faule Arbeitslose wohl eher unter den Langzeitarbeitslosen und damit vorrangig unter den Hartz-IV-Empfängern finden. Nicht alle Hartz-IV-Empfänger sind langzeitarbeitslos, aber lange Bezugsdauern von Unterstützungsleistungen und wiederholte Bedürftigkeit sind hier durchaus häufig. Aber woran liegt's?
Neun von zehn Hartz-IV-Empfängern weisen mindestens ein Vermittlungshemmnis auf, viele sogar mehrere. Sie haben beispielsweise keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung, sie leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen, sie sind älter oder alleinerziehend, sie haben einen Migrationshintergrund und verfügen über schlechte Deutschkenntnisse - die Liste ist lang, und jeder Punkt verringert deutlich die Chancen auf einen Job.
Hartz-IV-Empfänger akzeptieren auch eine schlechte Bezahlung
Ein anderer Faktor ist die regionale Verfügbarkeit von Jobs. In den Boom-Regionen Deutschlands - wie in manchen Gegenden Bayerns oder Baden-Württembergs - ist die Langzeitarbeitslosigkeit sehr gering. Das liegt nicht daran, dass es dort weniger Faule gibt, sondern einfach mehr Jobangebote. Wo die Arbeitsplätze rar sind, laufen die Bemühungen um eine reguläre Beschäftigung dagegen häufig ins Leere.
In aller Regel sind nicht zu hohe Ansprüche die Ursache, denn die meisten arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger sind durchaus bereit, eine geringe Bezahlung zu akzeptieren. Der sogenannte Anspruchslohn - der geringste Lohn, zu dem eine Person bereit ist, zu arbeiten - liegt bei diesem Personenkreis im Mittel unter sieben Euro pro Stunde.
Eine IAB-Studie ergab, dass Hartz-IV-Empfänger, die eine Beschäftigung aufnahmen, im Durchschnitt auch tatsächlich weniger als 7,50 Euro brutto in der Stunde verdienten. Fast ein Drittel nahm eine Tätigkeit an, die nicht dem Ausbildungsniveau entsprach. Zum Vergleich: Insgesamt arbeiten etwa 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland unterhalb ihres Ausbildungsniveaus.
Nur 60 Prozent der Hartz-IV-Empfänger müssen einen Job suchen
All das spricht gegen die Auffassung von den vielen faulen Arbeitslosen. Ein weiteres gewichtiges Gegenargument: Mehr als die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren geht mindestens 20 Stunden pro Woche einer nützlichen Tätigkeit nach. Sie erziehen Kinder unter sieben Jahren, pflegen Angehörige, arbeiten und benötigen dennoch ergänzendes Arbeitslosengeld II, bilden sich weiter oder befinden sich in einer Fördermaßnahme.

Nur etwa 60 Prozent der Arbeitslosengeld-II-Empfänger zwischen 15 und 64 sind daher überhaupt verpflichtet, aktuell nach Arbeit zu suchen. Von denen bemüht sich die große Mehrheit tatsächlich um einen Job, zeigt eine Befragung des IAB. Die Erfolge sind aber relativ bescheiden: Lediglich etwas mehr als ein Viertel der Suchenden hatte in den vier Wochen vor der Befragung ein Vorstellungsgespräch. Es gibt zwar auch rund 350.000 Hartz-IV-Empfänger, die keiner Tätigkeit nachgehen und eigentlich zur Arbeitssuche verpflichtet wären, jedoch in den vier Wochen vor der Befragung nicht nach einem Job gesucht haben. Schaut man jedoch genauer hin, so besteht dieser Personenkreis größtenteils aus älteren Hilfebedürftigen und solchen mit starken gesundheitlichen Einschränkungen.
Mein Fazit lautet daher: Bei der großen Mehrheit der Arbeitslosen sind keineswegs fehlende Motivation oder Konzessionsbereitschaft die Gründe für den fehlenden Job. Sie zu diffamieren hilft nicht weiter und ist unfair.

Dienstag, 23. August 2011

Ministerium sieht keine Altersarmut

Stern.de: Immer mehr Rentner haben einen Job. Im vergangenen Jahr gingen rund 660.000 Menschen zwischen 65 und 74 Jahren noch einer geringfügigen Beschäftigung oder einem Minijob nach. Das sind fast 240.000 mehr als im Jahr 2000.

Immer mehr Rentner gehen einer Erwerbsarbeit nach, um ihre Altersbezüge aufzubessern. Die Zahl der Senioren über 65, die einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen, stieg von knapp 417.000 im Jahr 2000 auf fast 661.000 im Jahr 2010, wie aus einer am Montag veröffentlichten Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Linken hervorgeht. Der Anteil der Senioren mit Mini-Jobs an allen Rentnern stieg von 3,0 auf 3,9 Prozent.

Nach Angaben der Linken benötigen auch immer mehr Alte zusätzlich zu ihrer Rente staatliche Grundsicherung. Die Zahl der Grundsicherungsempfänger, bei denen eine Altersrente angerechnet wird, sei seit 2003 um über 113.000 Fälle oder 71,7 Prozent gestiegen. Dazu erklärte das Bundesarbeitsministerium, der Zuwachs seit 2003 sei auf eine bewusste Ausweitung dieser Sozialleistung und deutlich erleichterte Zugangsvoraussetzungen zurückzuführen, wie etwa dem Wegfall des Unterhaltsrückgriffs.

Anstieg "nicht so gravierend"

"Ruhestand war gestern, malochen bis zum Tode heißt heute das Schicksal von immer mehr Rentnern", erklärte der Linken-Rentenexperte Matthias Birkwald. Das sei die "erschreckende Folge einer vollkommen verfehlten Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik". Die Rente müsse wieder den Lebensstandard sichern und zuverlässig vor Armut schützen. Deswegen müssten die Kürzungsfaktoren gestrichen und die Rente ab 67 zurückgenommen werden. Linken-Chefin Gesine Lötzsch bezeichnete die Zahlen vor Journalisten als "Alarmsignal". Sie forderte die Einführung einer Mindestrente.

Die Einführung einer Mindestrente ist für das Bundesarbeitsministerium aber kein Thema, wie eine Sprecherin sagte. Der Anstieg um 0,9 Prozentpunkte sei "nicht so gravierend". Zudem sei die Annahme nicht korrekt, die Erwerbstätigkeit nehme zu, weil die Rentner mit ihren Altersbezügen nicht auskämen. Es gebe vielmehr immer mehr Menschen, die ab 65 freiwillig weiter arbeiten möchten. Ein Anstieg von Altersarmut sei nicht zu erkennen.

Geld von der Oma - Hartz IV gekürzt

Hartz IV, Hartz 4, Arbeitslosengeld II, Geldgeschenk, Großmutter, Bundessozialgericht Kassel, Jobcenter Leipzig
Stern.de: Das Bundessozialgericht fällt heute ein wichtiges Urteil: Eine arbeitslose Mutter soll Hartz IV zurückzahlen, weil die Oma den Enkeln Geld geschenkt hat. Absurd oder rechtens?
Auch Geldgeschenke an Enkel werden bisher auf Hartz IV angerechnet© Arno Burgi/DPA
Zwischen November 2006 und Februar 2007 hat eine Großmutter ihren drei Enkeln jeweils 100 Euro zu Weihnachten und an zwei Enkel je 135 Euro zum Geburtstag aufs Konto überwiesen. Das macht insgesamt 570 Euro. Da die Mutter der damals 6 bis 16 Jahre alten Kinder zu der Zeit Arbeitslosengeld II - im Volksmund Hartz IV genannt - bezogen hat, forderte das zuständige Jobcenter im Landkreis Leipzig 510 Euro zurück. Dagegen hat die Familie geklagt. Nun muss in dritter Instanz das Bundessozialgericht in Kassel den Fall entscheiden.
Das Sozialgericht Leipzig hatte als erste Instanz geurteilt, gemäß der sogenannten Bagatellgrenze dürften 50 Euro nicht als Einkommen berücksichtigt werden. Insgesamt also 250 Euro. Das Jobcenter ging in die Berufung. Das Landessozialgericht Chemnitz gab dem Amt Recht: Die Familie - im Beamtendeutsch die Bedarfsgemeinschaft - habe nach Erlass des Hartz-IV-Bescheids Einkommen erzielt. Denn, so die Begründung, die Großmutter habe den Kindern das Geld zur freien Verfügung gegeben. Damit habe es den gleichen Zweck wie die Grundsicherung, zu der auch Spielzeug oder Kleidung zählten. Auch eine Reduzierung gemäß der Bagatellgrenze lehnte das Landessozialgericht ab. Nun wird der Fall beim obersten deutschen Sozialgericht verhandelt.

"Pures Absurdistan"

"Wer ist denn auch so blöd und lässt sich das überweisen?", kommentiert User Davilexis den Fall im Forum "GMX Meinungen". Und tatsächlich: Hätte die Großmutter ihren Enkeln das Geld in die Hand gedrückt, hätte das Jobcenter das Geldgeschenk schwer nachweisen können. Hartmut Prinz (Name geändert), 55, seit sechs Jahren arbeitslos und ohne Hoffnung, dass sich das jemals ändern wird, sagt: "Bei solchen Schenkungen muss man die Kontonummer von Bekannten angeben."
Hartz-IV-Empfänger und Beratungsstellen kennen viele solcher Fälle der als ungerecht empfundenen Anrechnung von Geschenken oder Gewinnen. Prinz erzählt sogleich von einer Frau, die in einer Radioshow Geld gewonnen hat, das auch sofort angerechnet wurde. Das Jobcenter hörte offensichtlich mit. "Dieses ganze System ist Absurdistan pur", sagt Prinz, in dessen Stimme neben dem Frust - ein Arbeitsangebot des Jobcenters in sechs Jahren - auch Fatalismus mitschwingt. Prinz weist auch darauf hin, dass die Einbehaltung eines solchen Geldgeschenks als Pflichtverletzung gilt. Und kommt es raus, wird Hartz IV gesperrt.

Belastung für betroffene Familien

Das Schlimme an Urteilen wie denen zum Geldgeschenk der aufmerksamen Großmutter sei, dass sie auch eine zerstörerische Wirkung auf Familien entfalten, sagt Frank Steger, Geschäftsführer des Berliner Arbeitslosenzentrums im Evangelischen Kirchenkreis im Gespräch mit stern.de. Die Großmutter habe die Familie ihrer Tochter unterstützen wollen und muss dann mit ansehen, wie die Tochter dafür bestraft wird. "Die Großmutter wollte doch nicht die Staatskasse entlasten. Sie wollte ihrer Tochter und ihren Enkeln etwas Gutes tun. Im Prinzip wird der bestraft, der das offensichtlich tut. Das kann doch nicht gewollt sein." Dem Gesetz nach offenbar schon.
Im Durchschnitt 4,7 Millionen Personen in Deutschland - Männer, Frauen, Kinder - leben derzeit von diesem staatlichen "soziokulturellen Existenzminimum".
Das Urteil des Bundessozialgerichts wird am frühen Nachmittag erwartet.

Montag, 8. August 2011

Krieg auf dem Arbeitsamt

Körperverletzung und Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Morddrohungen: Die Wut auf die Harz-IV-Gesetzgebung entlädt sich zunehmend in den Jobcentern. Leidtragende sind die Sachbearbeiter. Der Alltag auf einem Amt in Frankfurt