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Dienstag, 30. August 2011

Gesundheitsrisiko Büroarbeit: Bewegungslosigkeit schadet mehr als Stress


Das Büro scheint ein ungefährlicher Ort. Was kann hier zwischen Schreibtisch und Kaffeemaschine schon mehr passieren, als sich den Zeh am Rollcontainer unter dem Schreibtisch zu stoßen oder von der zu kühl eingestellten Klimaanlage einen Schnupfen zu bekommen? Die akute Verletzungsgefahr geht im Vergleich zum Arbeitsplatz von Möbelpacker, Gerüstbauer oder Waldarbeiter gen Null. Auch Muskel- und Skeletterkrankungen sollten an einem Arbeitsplatz, an dem vielleicht mal ein neuer Packen Druckerpapier getragen werden muss, eigentlich keine Rolle spielen. Aber weit gefehlt. Im Büro lauert Gefahr: die Bewegungslosigkeit.

Beinahe 80 Prozent der befragten Bildschirmarbeiter klagen laut einer Studie der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) über körperliche Beschwerden während oder nach der Arbeit. „Nacken- und Schulterbeschwerden kommen am häufigsten vor“, sagt BAUA-Arbeitsmediziner Falk Liebers, „gefolgt von Ellenbogen- und Unterarmbeschwerden und Schmerzen in der Hand oder im Handgelenk.“ Das Muskel-Skelett-System werde durch Bürotätigkeit, die in der Regel am Bildschirm stattfinde, einseitig belastet. „Vor allem das häufige und langdauernde Sitzen in Kombination mit übermäßiger und falscher Nutzung von Tastatur oder Maus kann zu Problemen führen.“

Jede starre Haltung schadet auf Dauer

„Etwa jede vierte Krankschreibung geht laut Statistik der Betriebskrankenkassen in Deutschland bei Arbeitnehmern auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück“, sagt der Berliner Arbeits- und Sportmediziner Michael Spallek und schränkt ein: „Bildschirmarbeiter sind dabei nicht über die Maßen gefährdet, anders als Beschäftige in industriellen Berufen, die deutlich häufiger als der bundesdeutsche Durchschnitt an Muskel- und Skeletterkrankungen leiden.“ Zum Vergleich: Bei Bauarbeitern, Landwirten und in der Abfallwirtschaft kommen Rückenschmerzen beinahe doppelt so oft vor wie im Dienstleistungsbereich.

Vor allem der obere Rücken und der Schulter-Nacken-Bereich der Bildschirmarbeiter leiden unter der Zwangsruhe auf dem Bürostuhl. 5 Stunden und 22 Minuten am Tag sitzt der durchschnittliche Deutsche laut einer repräsentativen Studie des Zentrums für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln.

Runder Rücken, hochgezogene Schulter, übereinandergeschlagene Beine

„Die mentale Konzentration auf die Arbeitsaufgabe am Bildschirm führt dazu, dass wir meist bewegungslos in einer Position verharren, die wir zwar subjektiv als bequem empfinden, die aber oft Gift für den Rücken ist“, sagt Spallek. So säßen viele Arbeitnehmer stundenlang mit rundem Rücken, hochgezogenen Schultern und übereinandergeschlagenen Beinen vor dem Bildschirm, ohne sich zu rühren. Das schadet nicht nur der angespannten Muskulatur, sondern über kurz oder lang auch dem gesamten Rücken und den Bandscheiben.

Aber auch wer länger als zehn Minuten am Stück kerzengerade sitze, tue sich nichts Gutes, denn jede starre Haltung sei auf Dauer schlecht. „Doch der Büromensch kauert durchschnittlich mehr als 80 Prozent seiner Arbeitszeit hinter dem Schreibtisch“, sagt Spallek. Die langfristigen Folgen für die rund 17 Millionen Büroarbeiter in Deutschland können Rückenschmerzen, Verspannungen in Nacken und Schultern, Kopfschmerzen, Muskelverkürzungen oder Entzündungen in Händen und Armen sein.

Arbeitsplatz bewegungsreich gestalten

Michael Spallek unterscheidet zwei Ansätze, um den Bürokrankheiten vorzubeugen: die Verhältnisprävention und die Verhaltensprävention. „Die Verhältnisprävention setzt beim Büroarbeitsplatz an, der möglichst bewegungsreich gestalten werden sollte“, sagt der Arbeitsmediziner. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch, an dem man einige Stunden am Tag oder abwechselnd auch mal im Stehen arbeiten könne, sei sehr sinnvoll. Ein ergonomischer Bürostuhl und seine richtige Nutzung seien wichtig, schnurlose Telefone regten zum Aufstehen und Herumlaufen an und der Drucker müsse ja auch nicht unbedingt in greifbarer Nähe stehen. „Alles, was dazu beiträgt, zwischendurch aufzustehen, die Position zu verändern und sich ein bisschen Bewegung zu verschaffen, beugt den typischen Bürokrankheiten am besten vor“, sagt Spallek.

Doch gerade der Büroarbeiter verbringt den größten Teil seiner Sitz-Zeit auf ein- und demselben Stuhl. „Der Bürostuhl sollte deswegen möglichst ergonomisch sein“, sagt der Berliner Arbeits- und Sportmediziner Michael Spallek.

Hohe Rückenlehne entlastet die Wirbelsäule
So sollte die Rückenlehne auf jeden Fall bis zu den Schulterblättern oder höher reichen: „Nur so kann die Rückenlehne den Rücken gut unterstützen und einen Teil des Oberkörpergewichts auffangen.“ Die Sitzfläche muss ein Kippen des Beckens verhindern. Armlehnen seien Geschmacksache, nicht jeder könne sich mit ihnen anfreunden, auch wenn sie die Schultern durchaus entlasten könnten. „Denn die Lehnen helfen beim Aufstehen und sind eine gute Ablage für die Arme, die immerhin rund zehn Kilo wiegen.“ Die Sitzhöhe muss so eingestellt werden, dass beide Füße komplett auf dem Boden stehen.

Tisch und Stuhl sollten auf die Bedürfnisse des einzelnen Mitarbeiters angepasst werden, sagt auch Arbeitsmediziner Falk Liebers. „Aber selbst bei Beschwerden besteht kein regelrechter Anspruch auf Umgestaltung des Arbeitsplatzes“, ergänzt er. Am besten sei es, sich bei Problemen an den Betriebsarzt zu wenden.

Angestellte sollen selbst vorsorgen
Auch der Mitarbeiter selbst ist laut Spallek in der Pflicht. „Was nützt es beispielsweise, wenn höhenverstellbare Schreibtische angeschafft werden, die Mitarbeiter aber trotzdem nicht im Stehen arbeiten?“, sagt er und spricht damit die Verhaltensprävention an. „Wer den ganzen Tag im Büro arbeitet, der muss selbst etwas tun und Bewegung in seinen Tag bringen.“ Während der Arbeitszeit könne man beispielsweise Ausgleichsgymnastik wie Dehn- und Streckübungen einbauen, in der Mittagspause sei eine Runde um den Block sinnvoller, als nur in der Kantine zu sitzen, und nach Feierabend sollte man sich bewegen und nicht wieder nur auf der Couch sitzen.

Freitag, 26. August 2011

Arbeitslose sind alle faul - stimmt's?

SPIEGEL ONLINE (15.08.2011): Die soziale Hängematte ist oft in Stammtischnähe zu finden. Darin lungert der nichtsnutzige Arbeitslose und lässt sich durchfüttern von der Gesellschaft. Arbeitsforscher Joachim Möller hält das für ein übles Zerrbild: Der Hang zu Müßiggang gehört zu den unwichtigsten Gründen für Arbeitslosigkeit.
Nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach glaubt mehr als jeder Zweite in Deutschland: Viele Arbeitslose wollen gar nicht arbeiten. Lediglich ein Drittel der Befragten ist der Meinung, dass es sich dabei nur um Einzelfälle handelt. Sind die Arbeitslosen im Land wirklich in großer Zahl arbeitsscheu, bequem oder zu anspruchsvoll?
Zunächst einmal muss man sich vor Augen halten: Die derzeit knapp drei Millionen Arbeitslosen bilden keineswegs einen statischen Block. Jeden Monat werden einige hunderttausend Beschäftigte arbeitslos, und jeden Monat finden etwa ebenso viele Arbeitslose wieder einen Job. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist Arbeitslosigkeit nur kurzfristig. Wenn schon, dann müsste man faule Arbeitslose wohl eher unter den Langzeitarbeitslosen und damit vorrangig unter den Hartz-IV-Empfängern finden. Nicht alle Hartz-IV-Empfänger sind langzeitarbeitslos, aber lange Bezugsdauern von Unterstützungsleistungen und wiederholte Bedürftigkeit sind hier durchaus häufig. Aber woran liegt's?
Neun von zehn Hartz-IV-Empfängern weisen mindestens ein Vermittlungshemmnis auf, viele sogar mehrere. Sie haben beispielsweise keinen Schulabschluss oder keine Ausbildung, sie leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen, sie sind älter oder alleinerziehend, sie haben einen Migrationshintergrund und verfügen über schlechte Deutschkenntnisse - die Liste ist lang, und jeder Punkt verringert deutlich die Chancen auf einen Job.
Hartz-IV-Empfänger akzeptieren auch eine schlechte Bezahlung
Ein anderer Faktor ist die regionale Verfügbarkeit von Jobs. In den Boom-Regionen Deutschlands - wie in manchen Gegenden Bayerns oder Baden-Württembergs - ist die Langzeitarbeitslosigkeit sehr gering. Das liegt nicht daran, dass es dort weniger Faule gibt, sondern einfach mehr Jobangebote. Wo die Arbeitsplätze rar sind, laufen die Bemühungen um eine reguläre Beschäftigung dagegen häufig ins Leere.
In aller Regel sind nicht zu hohe Ansprüche die Ursache, denn die meisten arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger sind durchaus bereit, eine geringe Bezahlung zu akzeptieren. Der sogenannte Anspruchslohn - der geringste Lohn, zu dem eine Person bereit ist, zu arbeiten - liegt bei diesem Personenkreis im Mittel unter sieben Euro pro Stunde.
Eine IAB-Studie ergab, dass Hartz-IV-Empfänger, die eine Beschäftigung aufnahmen, im Durchschnitt auch tatsächlich weniger als 7,50 Euro brutto in der Stunde verdienten. Fast ein Drittel nahm eine Tätigkeit an, die nicht dem Ausbildungsniveau entsprach. Zum Vergleich: Insgesamt arbeiten etwa 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland unterhalb ihres Ausbildungsniveaus.
Nur 60 Prozent der Hartz-IV-Empfänger müssen einen Job suchen
All das spricht gegen die Auffassung von den vielen faulen Arbeitslosen. Ein weiteres gewichtiges Gegenargument: Mehr als die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren geht mindestens 20 Stunden pro Woche einer nützlichen Tätigkeit nach. Sie erziehen Kinder unter sieben Jahren, pflegen Angehörige, arbeiten und benötigen dennoch ergänzendes Arbeitslosengeld II, bilden sich weiter oder befinden sich in einer Fördermaßnahme.

Nur etwa 60 Prozent der Arbeitslosengeld-II-Empfänger zwischen 15 und 64 sind daher überhaupt verpflichtet, aktuell nach Arbeit zu suchen. Von denen bemüht sich die große Mehrheit tatsächlich um einen Job, zeigt eine Befragung des IAB. Die Erfolge sind aber relativ bescheiden: Lediglich etwas mehr als ein Viertel der Suchenden hatte in den vier Wochen vor der Befragung ein Vorstellungsgespräch. Es gibt zwar auch rund 350.000 Hartz-IV-Empfänger, die keiner Tätigkeit nachgehen und eigentlich zur Arbeitssuche verpflichtet wären, jedoch in den vier Wochen vor der Befragung nicht nach einem Job gesucht haben. Schaut man jedoch genauer hin, so besteht dieser Personenkreis größtenteils aus älteren Hilfebedürftigen und solchen mit starken gesundheitlichen Einschränkungen.
Mein Fazit lautet daher: Bei der großen Mehrheit der Arbeitslosen sind keineswegs fehlende Motivation oder Konzessionsbereitschaft die Gründe für den fehlenden Job. Sie zu diffamieren hilft nicht weiter und ist unfair.

Montag, 22. August 2011

Rund 660 000 Rentner müssen dazuverdienen

Eine wachsende Zahl von Rentnern muss einem Zeitungsbericht zufolge noch dazu arbeiten oder die staatliche Grundsicherung beantragen, um über die Runden zu kommen.

Immer mehr Rentner kommen nach einem Zeitungsbericht nur mit einem Nebenjob finanziell über die Runden. Im vergangenen Jahr seien rund 660 000 Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren nebenher einer geringfügigen Beschäftigung oder einem Minijob nachgegangen, schreibt die "Saarbrücker Zeitung" (Montag). Im Jahr 2000 habe die Zahl noch 416 000 betragen. Dies gehe aus Zahlen des Bundesarbeitsministeriums hervor. Die Zahl von Rentnern mit kleinen Jobs habe demnach um 58,6 Prozent zugenommen.

400 000 Menschen im Alter über 65 Jahren beantragten und erhielten dem Bericht zufolge 2009 die staatliche Grundsicherung im Alter - ein Zuwachs von 55 Prozent gegenüber 2003, als es nur 258 000 waren.

Der Linken-Abgeordnete Matthias Birkwald, der eine kleine Anfrage zu dem Thema an die Bundesregierung gestellt hatte, sagte der Zeitung: "Ruhestand war gestern, malochen bis zum Tode heißt heute das Schicksal von immer mehr Rentnerinnen und Rentnern." Gering bezahlte Arbeit führe direkt in die Altersarmut. Birkwald forderte, alle Rentenkürzungsfaktoren abzuschaffen, die Rente mit 67 zurückzunehmen und wieder Mindestentgeltpunkte für Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener einzuführen.

Das Sozialministerium kündigte für den Herbst einen "Regierungsdialog Rente" an. Anfang 2012 solle dann ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, mit dem das Rentensystem so angepasst werden solle, "dass Armutsgefährdung im Alter nicht zunimmt", teilte das Sozialministerium der "Saarbrücker Zeitung" auf Anfrage mit.

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Montag, 8. August 2011

Krieg auf dem Arbeitsamt

Körperverletzung und Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Morddrohungen: Die Wut auf die Harz-IV-Gesetzgebung entlädt sich zunehmend in den Jobcentern. Leidtragende sind die Sachbearbeiter. Der Alltag auf einem Amt in Frankfurt