SPIEGEL ONLIVE 08. September 2011, 13:09 Uhr Von
München - Einen Meteoriteneinschlag hat heute kaum jemand auf der
Rechnung - doch was nach Science-Fiction klingt, ist in Deutschland
schon passiert. Hätte sich der tausend Meter dicke Steinbrocken, der
einst ins Nördlinger Ries krachte, nur um ein paar Millionen Jahre
verspätet und würde heute einschlagen, wären die Folgen schlimmer als
nach einem Atomkrieg. Auf der internationalen Tagung Fragile Earth in
München haben Geoforscher nun das Rätsel gelüftet, warum der Einschlag
so explosiv war.
Vor rund 15 Millionen Jahren krachte bei Nördlingen an der Grenze von
Bayern zu Schwaben jene Bombe aus dem All mit 70.000 Kilometern pro
Stunde in die Landschaft - auf halben Weg zwischen dem heutigen München,
Stuttgart und Nürnberg. Sie bohrte sich einen Kilometer tief in die
Erde, riss einen 24 Kilometer breiten Krater - das Nördlinger Ries. Der
Meteorit
war nicht allein, ein Mond umkreiste ihn. Die hundert Meter dicke
Eisenkugel schoss 40 Kilometer südwestlich vom Ries in den Boden. Sie
hinterließ das Steinheimer Becken, eine heute fast vier Kilometer breite
Kuhle.
Solch ein Schlag würde das heutige Süddeutschland vernichtend treffen
- denn dies würde geschehen: Erst schmilzt der steinerne Boden unter
dem Aufprall des einen Kilometer dicken Geschosses. Dann schießt eine
20.000 Grad heiße Glutwolke drei Kilometer in die Höhe, sie versengt im
Umkreis von Dutzenden Kilometern alles Leben. Die Sprengkraft von
250.000 Hiroshimabomben katapultiert einen Hagel aus 300 Milliarden
Tonnen Gestein in die Landschaft - die Trümmer fliegen 400 Kilometer
weit bis nach Österreich, in die Schweiz; sogar nach Böhmen. In
Stuttgart, München, Augsburg und Nürnberg schlagen tonnenschwere
Kalkblöcke ein; kurz darauf geht ein mehrere tausend Grad heißer Regen
aus Glut und Säure nieder. Geschosse und Feuer aus dem Himmel - dieses
apokalyptische Szenario ereignete sich vor 15 Millionen Jahren.
Diamanten in der Häuserwand
Die beste Aussicht auf den Schauplatz des Schreckens bieten die
Anhöhen der Schwäbischen Alb: Östlich der Hügel klafft der
Meteoritenkrater Nördlinger Ries, eine weite Kuhle mit Wäldern, Wiesen
und Dörfern. In seiner Mitte liegt die kreisrunde Stadt Nördlingen.
Viele Gebäude bestehen aus Trümmern jener gewaltigen Bombe aus dem All;
sie enthalten sogar Diamantsplitter.
Der Meteorit traf Süddeutschland, als regelrecht paradiesische
Zustände herrschten: Elefanten, Urpferde und Affen durchstreiften im
Zeitalter des Miozäns eine üppige Subtropenlandschaft wie im heutigen
Florida mit Sümpfen und offenen Wäldern. Pelikane, Schildkröten und
Krokodile rasteten an Tümpeln; Schlangen krochen durchs dichte
Schilfgestrüpp. Sie alle waren dem Tod geweiht, als der Kilometer dicke
Steintrumm Kurs Richtung Erde nahm.
Doch seit langem wundern sich Experten, dass im Boden des Ries im
Gegensatz zu ähnlichen Meteoritenkratern nur wenig Spuren geschmolzenen
Gesteins liegen. Ein Meteorit dieser Größe hätte eigentlich den Boden
Dutzende Meter tief schmelzen lassen müssen. Eine neue Bohrung in den
Krater habe nun eine lediglich fünf Meter dünne Schmelzschicht zutage
gefördert, berichtet der Geologe Thomas Kenkmann von der Universität
Freiburg auf der Münchner Tagung.
Wasserfontänen nach dem Aufprall
Jetzt präsentieren Forscher eine Erklärung: "Der Meteorit wurde
regelrecht pulverisiert", sagt Kenkmann. Ursache seien große Mengen
Grundwasser in der damaligen Sumpflandschaft, sie hätten den Einschlag
besonders explosiv gemacht, erklärt Natalia Artemieva vom Planetary
Science Institute in Tuscon, USA: Es sei beim Einschlag des Meteoriten
in gigantischer Menge auf einen Schlag verdampft. Dabei sei der Boden
regelrecht zerfetzt - das geschmolzene Gestein sei großteils
weggesprengt worden. Im Riesgestein fänden sich auffällig viele
Minerale, die sich bei großer Hitze unter Zugabe von Wasser bildeten.
Der Aufprall habe sogar dauerhaft Heißwasserfontänen im Ries sprießen
lassen, berichten Forscher um Gernot Arp von der Universität Göttingen
auf der Fragile Earth-Tagung. Die Geochemiker haben im Krater
Kalkminerale gefunden, die an sogenannten hydrothermalen Quellen in
Vulkangebieten entstehen. Die Fontänen waren offenbar die Vorläufer
einer erstaunlichen Seenlandschaft.
Im Nördlinger Ries schwappte nach dem Einschlag ein giftiger
Salzwassersee - vorbei war es mit den paradiesischen Wassertümpeln. Beim
Einschlag hatten sich Salzminerale aus dem Untergrund gelöst, die das
in den Krater strömende Grundwasser zu einer lebensfeindlichen Brühe
machten. Nur wenige Einzeller konnten überleben: Auf der Münchner Tagung
präsentierten Gernot Arp und seine Kollegen Spuren winziger
Salzwasserorganismen, sogenannter Stromatolithen, die in solchen
Sodaseen leben. Die Fossilien hatten die Forscher in diesem Jahr bei
Bohrungen im Ries entdeckt.
Fränkische Alb gesprengt
Die Umgebung des Sees wurde nach dem Einschlag aber bald wieder von
den Tieren zurückerobert; sogar im Schilfgürtel des Sees herrschte reges
Treiben: Dort, am Rande des Nördlinger Ries, finden Geologen immer
wieder versteinerte Reste zahlreicher Vögel, Schildkröten, Igel,
Schlangen und von marderähnlichen Raubtieren.
Der Meteoriten-Einschlag hat Süddeutschland für immer verändert:
Auswurfmassen blockierten Flüsse, die sich neue Wege bahnen mussten.
Nordöstlich des Kraters etwa staute sich der Rezat-Altmühlsee, er wurde
doppelt so groß wie der heutige Bodensee. Der Meteorit sprengte zudem
die Fränkische Alb von der Schwäbischen Alb ab, die seither als
Wetterscheide Wolken abfängt: Die vom Meteoriten zerlegte Landschaft um
Nördlingen gehört seither zu den sonnenreichsten in Deutschland. Schon
die Frühmenschen fühlten sich dort besonders wohl, wie zahlreiche
Werkzeugfunde beweisen.
Das letzte Rätsel
Doch noch immer sind nicht alle Rätsel um Deutschlands Urkatastrophe
gelöst; selbst ihr Zeitpunkt ist umstritten. Der neuesten Datierung
zufolge krachte der Trumm aus dem All vor genau 14,59 Millionen Jahren
herab. Dies habe die Analyse von Glas-Mineralen ergeben, die sich beim
Einschlag gebildet hätten, berichteten die Geologen Elmar Buchner von
der Hochschule Neu-Ulm und Martin Schmieder von der Universität
Stuttgart unlängst auf der Jahrestagung der Europäischen
Geowissenschaftlichen Union in Wien (EGU). Das einst geschmolzene
Glasgestein enthält radioaktive Teilchen, die sich beim
Meteoriteneinschlag gebildet haben. Sie zerfallen seither mit
gleichbleibender Rate. Wie verrinnender Sand in einer Sanduhr zeigt die
Menge der übrig gebliebenen Teilchen das Alter des Glasgesteins an. Als
Vergleich dient die Menge der Substanz, zu denen die radioaktiven
Teilchen zerfallen sind. Bisherige Datierungen hingegen seien ungenau
gewesen, weil ältere Minerale in den Gläsern ein zu hohes Alter
vorgegaukelt hätten, erläutern die Experten.
Jetzt wollen die Forscher auch das wichtigste verbliebene Rätsel ums
Ries lösen: Warum wölbt sich im Zentrum des Kraters kein Hügel wie bei
anderen Meteoritenkratern? Üblicherweise wirft ein Einschlag in der
Mitte einen Klumpen Erdmasse auf - ähnlich wie Kaffee, wenn ein
Zuckerstück in die Tasse plumpst. Dass der Hügel fehlt, irritiert
Experten, die Gesetze von Meteoriteneinschlägen beschreiben wollen.
Um das Geheimnis zu lüften, sollten vielleicht mal wieder
ausländische Forscher den Krater inspizieren, sie haben schon einmal den
Durchbruch gebracht: Als 1961 der Amerikaner Edward Chao und sein
Kollege Eugene Shoemaker als Erste Meteoritenspuren im Ries entdeckt
haben wollten, gaben sich die einheimischen schwäbischen Geologen
skeptisch: "Der hergelaufene Chinäs', der auch noch ein Ami isch…",
spotteten sie, könnte das Rätsel um den Krater bei Nördlingen doch nicht
gelöst haben? Doch, sie hatten es gelöst - seither kennt Deutschland
das katastrophalste Naturereignis seiner Geschichte.